Der Ortsname Freckenhorst

– eine Zusammenstellung der bisherigen Forschungsergebnisse

„Syn name was geheiten Ffrickyo dar van dijt kloster noch heet Frickenhorst […]1)“ so formuliert der Verfasser der niederdeutschen Gründungslegende2) und leitet den Namen des Klosters Freckenhorst vom Namen des Schweinehirten Frickyo ab. Folgt man dieser Namensgebung, so stammt der Ortsname von einem Personennamen ab. Dieses Prinzip, dass der Ortsname von einem Personennamen stammt, scheint auf den ersten Blick nicht abwegig zu sein und kommt im frühen Mittelalter durchaus häufiger vor (vgl. z.B. Bertoldsheim). Berücksichtigt man jedoch den Kontext der Fundatio, so stellt sich recht bald die Frage, warum ausgerechnet ein mehr oder weniger unbedeutender Schweinehirt namengebend für Ort und Kloster war und nicht etwa sein Stifter Everword (Euuorwordus) mit dessen Leben sich der Text viel eingehender beschäftigt. Die Gründungslegende scheint als Antwort auf die Frage nach dem Ortsnamen zumindest zweifelhaft, wenngleich sie in der Volksetymologie überwiegend als Erklärung herangezogen wird.

Es gilt zu berücksichtigen, dass es sich bei dem Quellentext um eine sog. Fundatio, eine Gründungslegende, handelt, die in ihrer Zeit mit einer bestimmten Intention verfasst bzw. niedergeschrieben wurde und – aus heutiger Sicht – nicht als in allen Bereichen eindeutige historische Informationsquelle gelesen werden darf. Es bedarf der historisch-kritischen Distanz zum Text und im Falle des Ortsnamens müssen mehrere Perspektiven eingenommen werden. Die folgenden Ausführungen stellen den Versuch dar, die bisherigen Forschungsergebnisse zum Ortsnamen Freckenhorst zu systematisieren. Es soll aufgezeigt werden, dass die Forschungsergebnisse zum Ortsnamen Freckenhorst, d.h. seiner „Herkunft“ und seiner „Bedeutung“, durchaus unterschiedlich sind und sich teilweise sogar widersprechen. Dabei stützt sich der Verfasser auf die bisher erschienene und ihm bekannte Forschungsliteratur, die im Anhang bibliographiert ist.

Das Eingangszitat aus der Gründungslegende ist einer mittelalterlichen Handschrift (Hs. 310) entnommen, die aufgrund der Schriftart (Bastarda) auf das späte 15. Jahrhundert datiert wird3). Der Entstehungshintergrund dieser Handschrift bzw. die Frage nach der Überlieferung lässt sich bisher nur in Ansätzen beantworten4). Sicher ist jedoch, dass diese Handschrift nicht die älteste Niederschrift des Ortsnamens enthält. Wilhelm Kohl hält fest, dass sich die älteste, einwandfrei überlieferte Form des Ortsnamens in den Xantener Annalen finden lässt5), sie lautet Frikkenhurst, was auf eine „vollere“ Form Frikkonhurst zurückgehe. Laut Kohl lässt sich der Ortsname in zwei Teile zerlegen, wobei sich der zweite Teil auf einen Horst bezieht, einen „erhöht gelegenen Wald“6), was sich anhand der geographischen Lage des Ortes leicht bestätigen lasse7). Der erste Teil jedoch stelle eine Verbindung zu der germanischen Gottheit Freyr oder Frikko8) dar. Zusammengesetzt bezeichne der Name also eine in einem Wald befindliche Kultstätte des Gottes Frikko9). Um seine Vermutung zu stützen bezieht Kohl wiederum die Gründungslegende in seine Überlegungen ein und vermutet Parallelen zwischen dem dort vorhandenen Frickyo und der germanischen Gottheit bzw. deren Verehrung. Nicht zufällig sei dieser Frickyo ein Hirte, der sich um die Schweine kümmere. Der germanischen Gottheit sei in bildlichen Darstellungen und im mythologischen Kontext als heiliges Tier ein Eber zugeordnet. Die christliche Gründungslegende beziehe diese Verweise bewusst mit ein und „degradiere“ die germanische Gottheit zu einem Schweinehirten, der dem christlichen Gott unterlegen sei. Aus dem ehemaligen Herren sei ein Knecht geworden, den es nicht mehr zu verehren gelte: „Die Identität dieses Gottes mit dem namengebenden Heros der Örtlichkeit Freckenhorst steht demnach außer Frage. Der auf einer noch heute deutlich erkennbaren Anhöhe gelegene ehemalige Wald oder Hain, durch einen Zaun umschlossen (Horst), trug vor der Kirchen- und Klostergründung (kurz nach dem Jahre 850) seine Kultstätte. Dort wurden ihm Opfer dargebracht, vornehmlich wohl in Gestalt von Ebern, wenn auch sicherlich andere geeignete Gaben für den Fruchtbarkeit und gute Ernten verleihenden Gott nicht fehlen durften.10)“ Zwar mutet es seltsam an, wenn ein „früherer“ heidnischer Gott Zugang zu einer christlichen Gründungslegende findet, doch zahlreiche Tatsachen deuten darauf hin, dass mit der Einführung des Christentums zur Zeit Karls des Großen die heidnischen Gottheiten nicht schlagartig aus dem Bewusstsein und dem Alltag der Menschen verschwanden. Häufig wurden sie und/oder die mit ihnen verbundenen Vorstellungen bewusst in die christliche Missionierung integriert, um den Menschen das Bekenntnis zum „neuen“ Glauben zu erleichtern. Kohl sieht sogar einen Zusammenhang zwischen dem Frühlingsfest des Gottes Fikko (in der nordischen Welt um den 1. Mai gefeiert) und dem Fest Kreuzauffindung, welches in Freckenhorst am 3. Mai begangen wird.11) Häufig geschah diese Missionierung auch gewaltsam und symbolträchtig. Laut Kohl berichtet die Gründungslegende in diesem Zusammenhang von einer wundersamen Lichterscheinung, die Frickyo im Wald beobachtet habe, sowie von seiner Feststellung, dass an dieser Stelle alle Bäume zerbrochen und verbrannt waren. Kohl sieht hierin deutlich die Erinnerung an eine mit Feuer und Axt vorgenommene Zerstörung der germanischen Kultstätte durch christliche Kräfte.

Dem Ansatz von Wilhelm Kohl, nämlich den Ortsnamen Freckenhorst theophor (= einen Gottesnamen tragend) zu erklären widerspricht Wolfgang Laur. Er hält diesen Ansatz für sehr unsicher und zieht die Deutung nach einem Personennamen vor12). Laur führt aus, dass es im deutschen Sprachgebiet eine Reihe von Ortsnamen mit dem Bestandteil Freck- oder Frick- gibt, von denen sich viele jedoch nicht theophor erklären lassen. Im Falle des Ortes Freckenhorst komme das ebenfalls nicht in Frage, da der von Kohl angeführte Gottesname Frikko aus historischen und lautlichen Gründen nicht in Frage komme. Vielmehr handele es sich bei diesem Bestandteil um einen verbreiteten Personennamen Fricco, welcher heute in Familiennamen wie Frick, Fricke weiterlebt. Auch der Bestandteil –horst sei nicht typisch im Zusammenhang mit Kultplätzen, unter den deutschen Ortsnamen auf –horst seien bisher keine theophoren bekannt. Ebenfalls kritisch sei Kohls Interpretation der Gründungslegende zu sehen. So sei es laut Laur in einer derartigen Legende keineswegs ungewöhnlich, dass ein Schweinehirt „gleichrangig“ neben einem hochadeligen Stifter auftauche: „Auf Grund seiner besonderen Stellung und seiner Berufsausübung an den von Siedlungen abseits gelegenen Plätzen in der freien Natur kommt der Hirte nach dem Volksglauben mit übernatürlichen Mächten oft in Verbindung. Hirten entdecken Schätze. Sie kommen in den Kyffäuser, auf der Suche nach einer Sau in eine wundersame Burg oder in einen Goldkeller. Daran sehen wir, daß auch die Schweinehirten hier ihren besonderen Platz haben. Und so scheint es nicht verwunderlich, daß einer von ihnen mit einer wundersamen Erscheinung als Weisung zur Gründung des Klosters Freckenhorst konfrontiert wurde.13)“ Der Name Frickyo erweise sich dabei als eine Nebenform zum Personennamen Fricko und die Annahme, dass ein Gott Fricco im vorchristlichen Westfahlen verehrt worden sei, sei nicht wahrscheinlich. Ein Gott mit diesem Namen sei nur für Schweden bezeugt und sollte er tatsächlich gemeint sein, so müsste er im Altsächsischen, also der Sprache, die zur Gründungszeit des Klosters vorherrschte, anders lauten. Die Religionsgeschichte spreche jedoch gegen eine Verehrung dieses Gottes in Westfalen.

Frikkenhorst = Freckenhorst scheint demnach die Waldrodung eines Fricco, Freckio, Frikken oder Frecken gewesen zu sein, an die sich die später verfasste Gründungslegende erinnert14). Somit ist es auch kein Widerspruch, wenn der Name des Ortsgründers neben dem des Klosterstifters erscheint und bewahrt wird. Nach Bley war der Name Frikkenhorst für den Menschen um 860 völlig unverfänglich: „Niemand brachte den Namen dieser Klosterstätte mit dem Namen irgendeines germanischen Gottes in Verbindung – niemand konnte deshalb auch Anstoß an einem derartigen Namen nehmen. Kohls Erklärung des Ortsnamens Freckenhorst muß davon ausgehen, daß sich ein in einem halbheidnischen Land gegründetes Kloster nach der heidnischen Gottheit benannte, die es unter anderem zu bekämpfen galt – ein im Frühmittelalter für das gesamte Abendland völlig undenkbarer Vorgang.15)“ Auszuschließen sei ebenfalls, dass die Gründungslegende „bewusst“ Anspielungen auf heidnische Gottheiten bzw. deren Verehrung enthalte um die Bekehrung der „heidnischen“ Sachsen zum Christentum quasi sanft zu gestalten. Dagegen sprächen eindeutig die zunehmende und konsequente Christianisierung der Sachsen und spätestens seit Ludwig dem Deutschen auch die gewaltsame Verfolgung heidnischer Kulte16). Um die bäuerliche Bevölkerung zu bekehren wurden Klöster und Kirchen gegründet und durch die Heilkraft der Heiligen- und Märtyrerreliquien, die in diese Kirchen verbracht und dann verehrt wurden, wurde versucht, der Bevölkerung das Christentum nahe zu bringen. Die Reliquientranslation nach Freckenhorst im Jahre 860 – sie wird in den Xantener Annalen erwähnt - diente genau diesem Zweck. „Ausgeschlossen, daß sie in ein Kloster erfolgte, das offiziell noch den Namen gerade des heidnischen Gottes weiterführte, dessen Andenken in der Bevölkerung nunmehr endgültig auch in den letzten eventuell vorhandenen Überresten beseitigt werden sollte.17)“ Zusammenfassend hält Bley fest, dass ein theophorer Ortsname Freckenhorst abzulehnen ist. „Mit gutem Grund können wir eine Person Fricco o.ä. als Gründer, wahrscheinlich als den größten Grundbesitzer der ersten Siedlung in Freckenhorst, annehmen. Ebuwart [Everword] und Frideward [ein Verwandter] sind Abkömmlinge, vielleicht Kinder oder Enkel des namengebenden «Gründers»“18).

Die bis hierher wiedergegebene Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zeigt, dass es in gewisser Weise einen Meinungsstreit hinsichtlich der Bedeutung und Herkunft des Ortsnamens Freckenhorst gibt. Auch scheint die Diskussion noch nicht abgeschlossen zu sein, die erwähnten Publikationen weisen häufig auf noch zu erforschende Bereiche hin. So ist das Wissen um die germanische Götterwelt bzw. deren kultische Verehrung im Raum Westfalen zu gering und die Überlieferungen, insbesondere sprachliche Überlieferungen, aus jener Zeit sind zu spärlich und lassen sich nicht als „Beweise“ verwenden19). Es lässt sich somit keine einfache Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Ortsnamens Freckenhorst formulieren. Dies mag zunächst unbefriedigend klingen, spiegelt jedoch letztendlich wieder, dass Namenforschung eine durchaus interdisziplinäre Wissenschaft ist, die vielfach mit Überlieferungslücken, Konjunktiven und Spekulationen leben muss.

Bley, Hartwig (1990): Der Freckenhorster Stifter Everword und die Reliquientranslation des Jahres 860. Untersuchungen zur frühen Geschichte des Bonifatiusstiftes Freckenhorst. Warendorf (Quellen und Forschungen. Zur Geschichte des Kreises Warendorf, 22).

Fleck, Beate Sophie; Roolfs, Friedel Helga; Signori, Gabriela (Hg.) (2003): Das Freckenhorster Legendar. Andacht, Geschichte und Legende in einem spätmittelalterlichen Kanonissenstift. Edition und Kommentar. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte (Religion in der Geschichte. Kirche, Kultur und Gesellschaft, 10).

Kohl, Wilhelm (1983): Freckenhorst, eine Kultstätte des germanischen Gottes Frikko im östlichen Münsterland. Abschiedsvorlesung gehalten am 7.Februach 1983 von Professor Dr. Wilhelm Kohl. In: Natur-Religion-Sprache- Universität: Universitätsvorträge 1982/83, S. 47–67.

Kohl, Wilhelm (1987): Überlegungen zum Ortsnamen Freckenhorst. In: Freckenhorst, H. 6 der Gesamtfolge, S. 5–11.

Kranemann, Niels (1988): Waar Ebers sunt, daar sunt ook Poggen. Anmerkungen zur Namensdeutung von Freckenhorst. In: Freckenhorst, H. 7 der Gesamtfolge, S. 11–18.

Laur, Wolfgang (1986): Freckenhorst und der Gott Fricco. Germanische Heiligtümer im Spiegel der Ortsnamen und Ortssagen. In: Beiträge zur Namenforschung, Jg. 21, S. 308–316.

1) Fleck et al. 2003. S.52.
2) Es handelt sich dabei um die mittelniederdeutsche Übersetzung einer lateinischen Vorlage. In letzterer taucht in der analogen Textstelle der Name „Ffreckyo“ auf.
3) Fleck et al. 2003. S.13.
4) , 5) , 6) Kohl 1983. S.48.
7) In einer späteren Publikation führt Kohl einschränkend aus, dass die Etymologie des Namensteiles –horst dunkel sei: „Gewöhnlich wird es [= dieses Namensglied] als Bezeichnung für „Gestrüpp, ehemaliger Wald, meist an Hügelhängen“ erklärt. Ursprüngliche Bedeutung des ausschließlich in Altsachsen und den sächsischen Siedlungsgebieten auf den britischen Inseln vorkommenden Wortes soll „Hügel“ gewesen sein. In neuerer Zeit wurde zusätzlich auf den Zusammenhang von horst/hurst mit dem altsächsischen harst hingewiesen, das „Flechtwerk, verflochtene Äste“ bedeutet.“ Kohl 1987. S.6.
8) „Dieser nach der nordischen Mythologie aus dem Geschlechte der Wanen stammende Bruder der Göttin Freya oder Frigga gebot über Sonne und Regen, die das Wachstum der Pflanzen förderten, aber auch über Fruchtbarkeit von Mensch und Tier. Um ihn in dieser Hinsicht günstig zu stimmen, richtete man den Anruf an ihn. Als gütiger Gott, der den Frieden wahrte und aus allen Nöten zu helfen vermochte, besaß er unter den anderen Gottheiten keine Feinde. Soweit nachweisbar, fand die Verehrung des Frikko vor allem in Schweden statt, jedoch war die Gottheit auch den Südgermanen wohlbekannt. Sein im skandinavischen Bereich gebrauchter Beiname Yng deutet darauf hin, daß in ihm der namengebende Heros der Ingwäonen zu sehen ist, daß aber auch das schwedische Königsgeschlecht der Ynlingar zu ihm in besonders enger Verbindung stand. Es wird vermutet, daß der Frikko-Kult seine Ausbildung in Dänemark erhalten hat, sich von dort nach Norden ausdehnte und mit den Wandalen in den Süden kam.“ Kohl 1983. S.50.
9) Adam von Bremen gibt in seinen Gesta Hammaburgensis ecclisiae pontificum eine Beschreibung des Tempels von Uppsala (Schweden) und nennt in diesem Zusammenhang die drei Hauptgottheiten Thor, Wodan und Fricco. Ein weiteres Mal wird der Gott Fricco dort jedoch nicht erwähnt (immer ist von Freyr die Rede) und die Forschung geht davon aus, dass Adam von Bremen die ihm aus seiner Heimat bekannte niederdeutsche Entsprechung zur Göttin Frija (in althochdeutscher Namensform) gewählt hat. Es gibt somit keinen gültigen Beleg dafür, dass die Gottheit Freyr irgendwo unter dem Namen Fricco verehrt wurde. Vgl. hierzu Bley (1990) S. 82.
10) Kohl 1983. S.52.
11) Kohl 1987. S.10.
12) Laur 1986. S.316.
13) Laur 1986. S. 312.
14) Bley 1990. S. 81.
15) , 17) Bley 1990. S. 84.
16) Kaiser Lothar I gestand im Jahr 841 den unteren Ständen der sächsischen Adeligen zunächst die Freiheit zu, ihre alten heidnischen Glaubens- und Kultformen zu erneuern. Im Folgejahr erstickte Ludwig der Deutsche mit Hilfe der vertriebenen sächsischen Adeligen den Aufstand „in Strömen von Blut“ (Bley) und von diesem Zeitpunkt an wurde jeglicher heidnischer Kult endgültig nachdrücklichst verfolgt.
18) Bley 1990. S. 89.
19) Vgl. hierzu auch Kranemann 1988.